LeHo Statements #4 Bert Zulauf

 

 

„Die Gestaltung von Lernwelten ist eine strategische Aufgabe mit taktischen Komponenten.“

Bert Zulauf, unter anderem Sprecher der DINI AG E-Learning und Leiter des Bereichs Multimedia- und Anwendungssysteme des Zentrums für Informations- und Medientechnologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf beschreibt seine Sicht auf das Thema Lernwelt Hochschule.

 

 

Was sind Ihrer Meinung nach Kriterien, die eine herausragende Hochschule in der Lernweltgestaltung erfüllen sollte?

Hochschulen sind auf besondere Weise betroffen und beschäftigt mit der digitalen Transformation. Auf der einen Seite geht es darum, zukunftsfähige Konzepte für die Kernprozesse Forschung und Lehre zu entwickeln und die Wissenschaftsadministration dahingehend anzupassen. Andererseits geht es um Kompetenzen der Studierenden, der Lehrenden, der Forschenden und der weiteren Akteure im Wissenschaftsbetrieb. Für beide Aspekte spielt die Gestaltung von Lernwelten eine wichtige Rolle. Die Gestaltung von Lernwelten ist eine strategische Aufgabe mit taktischen Komponenten. Größeren Baumaßnahmen gehen lange Planungszeiten und Finanzierungsrunden voraus. Hochschulen sollten frühzeitig Fakultäten, Fächer und Infrastruktureinrichtungen wie Bibliotheken, Rechen- und Medienzentren und Baudezernate zusammenbringen und solche Maßnahmen durch ein übergreifendes Gesamtkonzept eingeordnet umsetzen. 

Die Zusammenarbeit von Fakultäten oder Fächern mit Infrastruktureinrichtungen spielt zusätzlich eine wichtige Rolle um die notwendige Heterogenität der Raumbedarfe mit abzubilden: Bei Neubaumaßnahmen in den Naturwissenschaften werden etwa 70% Laborflächen geschaffen und auch im Bereich der Medizin oder bei den Ingenieurwissenschaften finden sich Beispiele für sehr unterschiedliche Bedarfe.

Zusätzlich können taktische Komponenten helfen, um im Rahmen der Bauplanung oder später im Baubestand kurzfristiger und dynamischer Anpassungen, Ergänzungen oder Veränderungen umzusetzen. Solche Komponenten setzen eine zum Teil universale, flexible und agile Planung und Governance voraus und ermöglichen Hochschulen schneller neue oder veränderte Bedarfe aufzugreifen und pro-aktiv Wirkung zu entfalten.

Was ist für die Lernweltgestaltung in Deutschland wünschenswert?

Für die zukünftige Lernweltgestaltung sollten umfangreichere, bessere und schnellere Umbaumöglichkeiten entwickelt werden; der Baubestand muss anpassungsfähiger werden.

Kommunikation verändert sich: Menschen kommunizieren anders miteinander und mit Maschinen, die auch untereinander kommunizieren können. Beispielsweise Kommunikation über mobile Endgeräte, die derzeit in Schulen stark reglementiert ist, wird ab der Studieneingansphase als selbstverständliches Instrument zur Informationsbeschaffung vorausgesetzt. Aus „pen & paper“ wird „bring your own device“. Aus dem persönlichen Umfeld kennen Studierende Kommunikationstools und “Digitale Assistenten” zu deren Potentialen an Hochschulen bislang kaum Erfahrungen existieren.

Die Gestaltung von Lernwelten sollte Raum für Innovationen und Experimente beinhalten. Studierende sollten generell einbezogen werden und solche Gestaltungs- oder Innovationsprozesse begleiten oder die Möglichkeit erhalten, Teil des Prozesses oder Experiments zu werden.

Die Studienanfängerquote ist in den letzten zehn Jahren in Deutschland nochmals deutlich angestiegen auf derzeit über 55 % – damit ist Studieren und der Erwerb wissenschaftlicher Kompetenz mitten in der Gesellschaft angekommen. Hochschulen sind „öffentliche Räume“ und können als Schnittstelle zu Technik, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Verantwortung übernehmen und Antworten geben. Lernwelten sollten mit „(welt)offener Architektur“ einen barrierearmen Zugang zu Bildungsgelegenheiten und Lernmöglichkeiten schaffen und Gestaltungsspielräume offen lassen.

Neben hochschulspezifischen Ideen sollten die Möglichkeiten, die sich aus der Gestaltung von Lernwelten an Hochschulen ergeben deutschlandweit breit genutzt werden. Hervorzuheben sind Bereiche wie die Studieneingangsphase, die Zusammenarbeit von Hochschulen mit Schulen und die Orientierung von Schülerinnen und Schülern bei der Studienwahl sowie die Hochschule als „öffentlicher Raum“ und als Ort für lebenslanges Lernen.

Was denken Sie, bewirkt das Projekt LeHo in der deutschen Hochschullandschaft?

Bislang findet eine zukunftsweisende Gestaltung von Lernwelten lokal in einigen Hochschulen oder informierten Kreisen statt. Das Projekt LeHo nimmt diese vorhandenen Ideen auf, ergänzt sie, diskutiert sie und stellt allen Hochschulen eine umfassende Darstellung zur Verfügung. Die Informationen und Praxisbeispiele können als Blaupausen für weitere Planungen dienen, Anregungen zum Informationsaustausch bieten und Bewusstsein für die Gestaltung von Lernwelten im Wissenschaftsmanagement und in der Politik schaffen.

Welche Entwicklungen werden für die Lernweltgestaltung der Hochschulen zunehmend wichtig? Welche drei Tendenzen können Sie identifizieren?

Lernende stehen vor der explosionsartigen Zunahme von Wissen und Informationen und der damit einhergehenden Zunahme von Wissenschaftlern, Methoden, Tools und Zugangsmöglichkeiten zu Informationen. Hochschulen sollten die Möglichkeiten dieser Wissensgesellschaft nutzen und offen für neue Erfahrungen sein um auch die möglichen Risiken zu erkennen und zu berücksichtigen.

  1. Erfahrungen und auch Fehler beim Einsatz innovativer Ideen, Formate, Technologien und Medien sollten als aktive Lernkomponenten (aller) angesehen werden. Lernwelten können bei der Formatgestaltung und als kreative Räume unterstützen. Neue innovative Formate erfordern möglicherweise ein radikaleres Umdenken bei Bau- und Umbaumaßnahmen.
  2. Es sollten Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Veränderung von instruktionszentriertem Lehren hin zu unterstützendem und beratendem Lehren und die Selbstorganisation Studierender fördern. Es stellen sich Fragen zur Veränderung von Hörsälen oder Seminarräumen und ob in deren Umgebung zusätzliche Lernwelten für kleinere Gruppen möglich sind. Die Reflektion und Unterstützung von Studierenden, die sich Wissen zunehmend eigenständig erarbeiten sollen, ist diesbezüglich eine wichtige Rahmenbedingung.
  3. Kompetenzerwerb in aktuell relevanten Bereichen (z.B. Media Literacy, Data Literacy) ist eine wichtige Arbeitsgrundlage im Methodenwissen für Lernende und Lehrende. Immer mehr und neue Methoden ermöglichen Zugang zu Wissen und Informationen. Hochschulen sollten diesen Veränderungsprozess aktiv mitgestalten. Lernwelten könnten den Kompetenzerwerb beim Wechsel von Schulen an die Hochschule unterstützen, beispielsweise durch  begleitete Angebote innerhalb der Studieneingangsphase.

Lernwelten können dazu beitragen, dass Lernende und Lehrende Erfahrungen und Kompetenzen mit modernen Methoden oder Themen (wie beispielsweise Künstliche Intelligenz, Virtual-/Augmented Reality) sammeln können.

Zur Person

Bert Zulauf ist Sprecher der DINI AG E-Learning und Leitet den Bereich Multimedia- und Anwendungssysteme am Zentrum für Informations- und Medientechnologie, zu dem auch der Bereich E-Learning und das Multimediazentrum der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gehören. Bert Zulauf beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Digitalisierungs- und Innovationsthemen und hat Erfahrungen im Bereich E-Learning und Gestaltung von Lernräumen in verschiedenen Einrichtungen und Kooperationen gesammelt. Den studentischen DINI-Wettbewerb „Lehren und Lernen mitgestalten – Studieren im digitalen Zeitalter” begleitete er als Gutachter.

 

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