LeHo Statements #1 Richard Stang

Wir brauchen mehr Dynamik in Richtung einer studierendenorientierten Entwicklung der Lernwelt Hochschule

Foto von Richard StangProf. Dr. Richard Stang, Projektleiter „Lernwelt Hochschule“, beleuchtet die Herausforderungen für eine zukünftigen Entwicklung der Lernwelt Hochschule.

Was sind Ihrer Meinung nach Kriterien, die eine herausragende Hochschule in der Lernweltgestaltung erfüllen sollte?

Da eine der zentralen Herausforderungen der Hochschulen ist, Studierende im Hinblick auf die Herausforderungen der Zukunft weiterzuentwickeln, bedarf es eines veränderten Zugangs in der Lehre und damit auch veränderter Perspektiven in der Gestaltung der Lernwelt Hochschule. Wenn sich Hochschulen die Aufgabe stellen – wie es in anderen Ländern viel offensiver angegangen wird –, die Grundlagen für die Lösung der gesellschaftlichen Probleme der Zukunft zu schaffen, dann müssen neben fachlichen Qualifikationen vor allem auch Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Diese lassen sich in den klassischen Hörsälen in der Form der Vorlesung nur bedingt vermitteln. Hochschulen, die ihre Lehre stärker in Richtung Problembasierten, Projektorientierten und Forschungsbasierten Lernens verändern, sind hier deutlich im Vorteil. Dazu bedarf es dann neben einer veränderten Zeitstruktur – 90-Minuten-Blöcke sind hier nicht immer förderlich – auch einer veränderten Raumstruktur. So spielen flexible Lernflächen in diesem Kontext eine zentrale Rolle, aber auch der Zugang zu unterschiedlichen Raumangeboten wie Laboren, Makerspaces usw. Betrachtet man sich allerdings, wie heute noch Hochschulen gebaut werden, wird deutlich, dass eine solche Entwicklung nicht in wenigen Jahren zu realisieren ist. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass es besonders private Hochschulen sind, die hier deutlich flexibler agieren und sich zunehmend zu einer Konkurrenz der öffentlich geförderten Hochschulen entwickeln. Diese Tendenz wird sich – wenn dem nicht auch von staatlicher Seite entgegengewirkt wird – in den nächsten Jahren noch verstärken. Auch ausländische Hochschulen, z.B. in den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern, sind hier längst auf dem Weg. Im Prinzip geht es um die Zukunft des Hochschulstandorts Deutschland. Das scheint aber noch nicht überall angekommen zu sein, wie auch die ersten Ergebnisse unseres Projektes „Lernwelt Hochschule“ zeigen.

Was ist für die Lernweltgestaltung in Deutschland wünschenswert?

Wir brauchen ein stärker „atmendes“ System, das schneller auf Veränderungen reagieren kann. Ein Problem dabei ist sicher, dass in den wenigsten Fällen pädagogische Expertinnen und Experten die Entscheidungen bezogen auf die Gestaltung der Lernwelten treffen. Meisten werden sie nicht einmal einbezogen. Ich berate z.B. seit Jahren Bauprojekte im Bildungsbereich und stelle immer wieder fest, dass sich hier die ausführenden Architektinnen und Architekten mit Architektinnen und Architekten aus den jeweiligen Bauämtern über die bauliche Gestaltung von Lernwelten austauschen. Pädagogische Kompetenz wird selten einbezogen oder erst dann, wenn der Bau steht. Hier bedarf es dringend eines Umdenkens. Wenn wir Problembasiertes, Projektorientiertes und Forschungsbasiertes Lernen fördern und dabei auch der Heterogenität der Studierenden – die eher zunimmt, als abnimmt – gerecht werden wollen, müssen wir uns intensiver mit Lehr-/Lernmethoden beschäftigen. Lernwelten werden in Zukunft flexibler gestaltet werden müssen. Dabei helfen digitale Lehr-/Lernsettings – die oft als Lösung vieler Probleme an die Wand gemalt werden – nur bedingt. Der physische Raum wird auch in absehbarer Zeit eine große Relevanz für das Lernen haben und den sollten wir zukunftsorientiert gestalten. Wichtig wird sicher sein, dass Hochschulleitungen die Raumentwicklung unter der Lernendenperspektive stärker in den Fokus rücken. Bislang spielt das Thema eher eine Rolle, wenn namhafte Architektinnen und Architekten für Hochschulen imposante Architektur gestalten. Dabei spielen dann leider öfter die Ästhetik und weniger die Nutzungsoptionen eine zentrale Rolle. Mit unserem Projekt „Lernwelt Hochschule“ versuchen wir auch für diese Thematik zu sensibilisieren.

Was denken Sie, bewirkt das Projekt LeHo in der deutschen Hochschullandschaft?

Letztendlich können wir nur auf Problemdimensionen hinweisen. Welchen Effekt dies haben wird, lässt sich bei der komplexen Struktur der Hochschullandschaft kaum prognostizieren. Uns geht es zunächst einmal darum, die Hochschulen als ganzheitliches System unter der Perspektive des „Shift from Teaching to Learning“ in den Blick zu nehmen. Dabei wollen wir Fragen der Organisationstrukturen, der didaktischen Strukturen, der Lehr-/Lernraustrukturen und der digitalen Strukturen eben nicht getrennt voneinander betrachten – wie es leider nach wie vor auch im Rahmen von Fördermaßnahmen geschieht. Es geht vielmehr darum, dafür zu sensibilisieren, dass es eines umfassenden Strategieprozesses bedarf, der die Studierenden in den Mittelpunkt rückt. Wenn man wie ich viel in Bildungseinrichtungen unterwegs ist, hat man gelegentlich den Eindruck, dass die Lernenden – in Hochschulen die Studierenden – eher stören. Die Rückmeldungen auf unser Projekt zeigen allerdings, dass wir hier an der richtigen Stelle ansetzen. Für viele Hochschulen stellen sich eben derzeit die Fragen nach der Strategie in Bezug auf eine Studierendenperspektive, da unter anderem durch die zunehmende Internationalisierung die Konkurrenz um die Studierenden zunehmen wird. Und Studierende schauen sich inzwischen genau an, unter welchen Bedingungen sie an den verschiedenen Hochschulen studieren können.

Welche Entwicklungen werden für die Lernweltgestaltung der Hochschulen zunehmend wichtig?

Ein zentraler Aspekt wird sicher sein, Ergebnisse der Lehr-/Lernforschung stärker bei der strategischen Planung der Lernwelt Hochschule zu berücksichtigen. Dies gilt sowohl für die didaktischen, organisatorischen, technischen und raumbezogenen Strukturen. Hier sollten sich Hochschulen – wenn nicht im eigenen Haus vorhanden – unbedingt Expertise von außen dazu holen. Viele Planungen – vor allem bauliche – zementieren im wahrsten Sinne des Wortes Strukturen mindestens für die nächsten 20-30 Jahre. In Anbetracht der Dynamik technischer und gesellschaftlicher Entwicklung liegt es also nahe, alle Strukturen auf Optionen der Veränderung hin zu entwickeln. Natürlich spielt in den Hochschulen die Forschung ebenfalls eine große Rolle. Diese sollte aber noch stärker mit der Lehre verknüpft werden. Besonders unter der Perspektive von Interdisziplinarität bzw. Transdisziplinarität – anders werden sich die Probleme dieser Welt kaum noch bewältigen lassen –, stellt sich natürlich auch die Frage, nach der Fakultätsstruktur/Abteilungsstruktur der Hochschulen. Manchmal erinnern die Strukturen eher an feudalistische Gesellschaftsstrukturen denn an agile. Für große Universitäten wird die Herausforderung, hier Veränderungen vorzunehmen, ungleich größer sein als für kleine Hochschulen, die flexibler auf Veränderungen reagieren können. Der Umbau der Lernwelt Hochschule wird im Bildungsbereich sicher eines der dicksten Bretter sein, das es zu bohren gibt, aber meiner Ansicht, gibt es kaum eine Alternative dazu, will man den internationalen Anschluss nicht verpassen. Und ich hoffe, dass wir mit unserem Projekt einen kleinen Beitrag zur Entwicklung „atmender“ Strukturen leisten können.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Lernwelten“ liefert Richard Stang in seiner Publikation „Lernwelten im Wandel – Entwicklungen und Anforderungen bei der Gestaltung zukünftiger Lernumgebungen“, die bei DeGruyter Saur erschienen ist.

Zur Person

Prof. Dr. Richard Stang ist an der Hochschule der Medien Stuttgart (HdM). Er leitet u. a. gemeinsam mit Prof. Dr. Frank Thissen das Learning Research Center der HdM (www.learning-research.center). Arbeitsschwerpunkte sind u. a. Lernwelten, Lernarchitektur, Medienentwicklung und Innovationsforschung. Er leitet derzeit u.a. Forschungsprojekte zur Lernwelt Hochschule. Er berät Kommunen und Hochschulen bei der Gestaltung von Lernräumen. Beim De Gruyter-Verlag gibt er die Reihe „Lernwelten“ heraus.

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